Klettern
Beratung
20.07.2018

GESTEN GESTALTEN

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GESTEN GESTALTEN

Hinter den farbigen Anordnungen von Problemen und Routen in Kletterhallen steht das Auge des Routenbauers. Er entscheidet, welche Bewegungen erforderlich sind, um nach oben zu kommen. Mit seiner diskreten, oft unsichtbaren kreativen Präsenz choreografiert er das Reich der Vertikalen. Baptiste Dherbilly, 23 Jahre alt, denkt sich diese Bewegungsabfolgen nach Farben aus. Er schwingt den Bohrer mit seinen Magnesia-bestäubten Händen und gestaltet eine Art Sport-Tanz mit Fingerspitzen.


Er arbeitet wie ein Maler. Er geht auf Abstand von der Wand, betrachtet sein Werk, überprüft es, sieht sich seine Skizze wieder an, verzieht den Mund, neigt den Kopf, nähert sich dann den Klettergriffen und fasst sie an, taxiert ihren Abstand, nickt mit dem Kopf. Man könnte ihm einen Pinsel statt dem Bohrer in die Hand drücken, eine Farbpalette statt der bunten Kunststoffteile. Wie auf einem riesigen Gemälde zeichnet Baptiste die Berge mit stilisierten Gipfeln und verschneiten Wegen und befestigt einen letzten Griff an der Bergspitze, um sich daran zu hängen. Jeden Tag setzt er in der CortiGrimpe-Kletterhalle in Annecy (Departement Haute-Savoie) ständig wechselnde Routen, die unterschiedliche Bewegungsabläufe erfordern. »Ich schraube gern neue Routen − das ist immer wieder anders, man stellt sich in Frage und muss kreativ sein..

Jérémy Bernard - Compo

An diesem Block, erklärt er, wollte er »den Begriff ›Rise Up‹ interpretieren, indem er die Leichtigkeit, das körperliche und geistige Aufwärtsstreben, den erforderlichen Einsatz und auch den Schwindel, die darin enthalten sind, zum Ausdruck brachte.« Der Kletterer verlässt den Regen, der aus einer kleinen blauen Wolke fällt – ein Symbol für die Sorgen des Alltags −, durch einen Sprung dicht über dem Boden (»dieser Sprung ist die Schlüsselbewegung an diesem Block«), der auf jeden Fall einen gewissen Einsatz erfordert: Der Fuß und der ganze Körper müssen mit Schwung zum nächsten Tritt gebracht werden, auf dem man mit der Fußspitze landet – dieser originelle Move ist nicht gerade einfach. »Ich finde es gut, Einsatz zu fordern, vor allem in der Halle! Das sorgt auch Indoor für Nervenkitzel!« Baptiste testet seine Griffe ein paar Mal und ist damit zufrieden. Er nimmt sich ein bisschen Zeit dafür, um die kleinen Griffe für die Finger richtig zu positionieren, dreht sie unterschiedlich, schraubt sie an und ab. »Ja, so ist es gut – nicht schwieriger, aber prickelnder … « Er testet den Griff noch einmal und freut sich: »Es funktioniert!»

« WIR BIETEN BEWEGUNGSABLÄUFE

AN, DIE SPASS MACHEN UND EINEN

FORTSCHRITTE MACHEN LASSEN,

DENN DIE HALLE BIETET DIE

MÖGLICHKEIT, SICH ZU VERBESSERN »

Der aus Paris stammende großartige Kletterer fand in den Bergen den idealen Ausgleich, als er im Gymnasium mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. »Als ich jung war, ging ich wenig Klettern, sondern vor allem Skifahren, Laufen, Orientierungslaufen und Radfahren …« Zum Klettern kam er eigentlich erst richtig nach einer sechsmonatigen Genesung infolge eines schweren Unfalls beim Skitourengehen. Das war vor vier Jahren. »Über das Klettern bin ich wieder zum Sport gekommen … und habe mich mit vollem Einsatz darangemacht!«

Nach diesem Schritt ins Leere muss man an der Wand hoch und sich für den letzten Sprung positionieren. Der Absprung ist heikel. Dylan, ein lokaler Kletterer, testet ihn erfolgreich als Erster. Baptiste ist beeindruckt, aber er verringert trotzdem den Abstand der Griffe, den er etwas zu riskant findet. »Die Idee, die ich dabei vor Augen habe, ist, am Ende an einem Griff zu hängen, ganz leicht und wie schwerelos.« Diese Art von kreativen Blöcken stellt eine besondere Herausforderung für Baptiste dar, der bei seiner täglichen Arbeit vor allem sicherstellen muss, den Kletterern, die regelmäßig kommen, ausreichend Abwechslung (im Hinblick auf technische Anforderungen, Schwierigkeit, Stil) zu bieten.

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«ICH BRINGE GERNE LEICHTIGKEIT, KÖRPERLICHES UND GEISTIGES AUFWÄRTSSTREBEN SOWIE EINSATZ ZUM AUSDRUCK»
Jérémy Bernard - Millet BC1


Kommt in zwei Monaten wieder, da sehen alle Blöcke wieder anders aus! »Wir bieten Bewegungsabläufe an, die Spaß machen und einen Fortschritte machen lassen, denn die Halle bietet die Möglichkeit, sich zu verbessern«, erklärt er. Beim Wettkampf ist das anders, da können die Routensetzer mehr ihrer Inspiration folgen und ihren persönlichen Stil deutlicher zeigen. Sobald er endlich mit seinem Werk zufrieden ist, nach vielem Rauf und Runter und Sprüngen auf die Matte, nach vielen zufriedenen und unzufriedenen Gesichtern, beschließt er, dass er fertig ist. »Wie du siehst …«, erklärt er mir mit verschränkten Armen, dem Bohrer an der Seite und weißen Händen, »bietet jeder Block ein Geheimnis, eine kleine Besonderheit zum Entdecken. Der Boulderer soll entschlüsseln, was ich damit sagen will.« Jetzt seid ihr am Zug …


Text und fotos von
Guillaume Desmurs

 

 

 

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