Bergsteigen
07.10.2016

Face to face with the guides

Porträts zweier erfahrener Bergführer, die gerade von der Eigerwand zurückgekehrt sind.
Lorenz frutiger
Schweizer, 35 Jahre alt
Bergführer in Grindelwald.
www.purealpine.ch
Lorenz Frutiger
 

 

Louis Laurent
Franzoze, 35 Jahre alt
Bergführer in Chamonix
www.chamonix-guides.com
Louis Laurent
 

 

 
Interview
+ WOHER KOMMT IHR?
LORENZ :Ich bin in Grindelwald aufgewachsen und seit 2005 ein professioneller Bergführer. Mein Vater hatte dreißig Jahre lang als Bergführer in den Alpen gearbeitet. Er ist viel gereist, sodass ich quasi schon als Kind in den Beruf eingeführt wurde. Mit 18 habe ich meinen Faible für das Klettern entdeckt und seitdem immer intensiv betrieben. Während der letzten 10 Jahre war es eine starke Passion. Ich habe zwei Söhne und einer von ihnen ist zweieinhalb Jahre alt, was ziemlich viel Zeit und Energie kostet.
LOUIS :Seit meinem 15. Lebensjahr habe ich im Tal von Chamonix gelebt. Ich komme aus einer kleinen Bergregion in Auvergne, Massif Central genannt, wo ich Skifahren gelernt habe und eine fantastische Zeit hatte. Später, als ich 18 war, habe ich mich für die Bergwelt interessiert und meine Leidenschaft dafür entdeckt. Seitdem bin ich süchtig nach aller Art Bergsport- Disziplinen. Sollte ich einmal müde werden, als Bergführer zu arbeiten, werde ich zurückgehen und wieder als Skilehrer arbeiten.
Lorenz Frutiger
+WAS MÖGT IHR AM BERUF DES BERGFÜHRERS?
LORENZ : Die Freiheit, mit seinen Kunden zu tun, was man will, die Freiheit zu reisen und neue Plätze zu sehen, draußen zu sein, die Natur um mich zu spüren. Wir sind immer draußen, oft alleine, insbesondere wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen sowie bei der Verantwortung für unsere Kunden – ein fordernder Job. Kunden richtig zu führen ist nicht immer einfach – man muss in der Lage sein, die richtige Exkursion zur rechten Zeit zu arrangieren, dass sie die Kunden motiviert, aber das ist auch nicht allzu schwer. Im nahen Kontakt mit den Kunden zu sein, ist oft sehr angenehm, es kann aber auch knifflig werden, wenn die Bedingungen erschwert sind oder das Wetter nicht mitspielt.
LOUIS :Die intensive Auslastung, die ich momentan als Bergführer habe, immer draußen zu sein, genieße ich sehr. Es kostet sehr viel Energie. Inzwischen habe ich das Know-how, die Leute auf sehr technisches Terrain mitzunehmen. Über die Jahre hinweg habe ich ein Netzwerk an Kunden aufgebaut, das mir professionelle Erfüllung gibt. Was ich an meinem Job mag, ist, dass ich mich ganz frei entfalten kann – nicht wie bei anderen Beschäftigungen, wo man einen Chef hat. Mein Kundennetzwerk vertraut auf mich, was bedeutet, dass ich Trips flexibel an Berg- und Wetterbedingungen anpassen kann. Ich biete ihnen verschiedene Optionen und lasse sie wählen, je nachdem, wie fit sie sich fühlen. Sie schätzen es sehr, dass sie sich darüber keine Gedanken machen müssen. Lorenz und ich haben darüber auf der Rückfahrt mit dem Zug unsere Witze gemacht. Die „weiche Manipulation“, mit der wir unsere Kunden in Richtung Exkursion steuern, mögen wir beide sehr. Es ist für uns eine große Motivation zu wissen, dass unsere Kunden niemals enttäuscht sind. Wenn die Nordwand gefährlich wird, weil das Wetter wärmer wird, ist es Zeit, auf Felspfeiler und Grate in der Sonne zu wechseln. Und das ist es, was ich an den Bergen liebe – je nach Bedingungen und Wetter die bestmögliche Route zu wählen.
+ WELCHE BERGSTEIGER HABEN EUCH AM MEISTEN INSPIRIERT?
LORENZ : Als ich jung war, wurde ich durch zwei Bergsteiger inspiriert. Einer ist Edy Bohrin, ein Bergführer aus Grindelwald, der 40 Jahre lang mit derselben Passion gearbeitet hat. Ich habe ihn immer bewundert. Der andere ist Walter Bonatti, der mich durch seine Bücher dem Bergsport näher gebracht hat. Seine grenzenlose Bestimmtheit, seine eigenen Projekte umzusetzen, war mir immer ein Vorbild.
LOUIS : Ohne zu zögern würde ich sagen, Gaston Rebuffat hat immer eine große Rolle für mich gespielt. Sein Buch „Die hundert besten Routen” hat jahrelang auf meinem Nachttisch gelegen. Da ich nicht aus der Bergsport-Community komme, brauchte ich Anhaltspunkte, und dafür war sein Buch einfach fantastisch. Die Frêneypfeiler schienen für mich unterreichbar zu sein, ich dachte, ich würde niemals einen Fuß darauf setzen. Und dann habe ich mich eines schönen Tages dort wiedergefunden!
«MOUNTAINS ARE ACCESSIBLE – IT’S JUST A MATTER OF WILL POWER.» Louis Laurent
 

 

+ WAS IST EURE PHILOSOPHIE IN DEN BERGEN?
LORENZ : Für mich ist das Wichtigste die Herausforderung – meine Ziele zu erreichen, aber auch, mich selbst verstehen zu lernen und andere Leute kennenzulernen. Der Prozess bewirkt, dass wir uns über eine lange Zeit hinweg weiterentwickeln. Es ist nicht wichtig, wie hoch die Gipfel sind, es geht eher um das Verhältnis zur Einsamkeit, weitab von Menschenmassen bzw. Menschen allgemein, in der Abgelegenheit der Berge, tief in der Wildnis. Ich denke, es ist in unseren Genen angelegt, zu klettern und die Perspektive zu wechseln, zu erkennen, wie die Dinge von oben betrachtet aussehen, aus einem anderen Blickwinkel.
LOUIS : Das Fantastische an den Bergen ist, dass sie jeden akzeptieren. Kinder und Erwachsene, Anfänger und Profis können alle erfüllende Erlebnisse haben, vorausgesetzt sie treffen die richtigen Entscheidungen im Einklang mit ihren Fähigkeiten. Aus meiner Sicht sind alle Berge erreichbar – es ist nur eine Frage der Willenskraft. Und der Bergsport ermöglicht die wenigen Augenblicke, wenn wir unser Gehirn und alle störenden Gedanken ausschalten. Man lässt alles zurück, auch Handy und E-Mails usw. Man muss seine Konzentration darauf fokussieren, in der Aktion ausbalanciert zu sein, denn sonst ist es relativ simpel: Man fällt …