14.09.2018

Zwangspause

Um auf höchstem Niveau zu klettern, sich an 8C-Bouldern zu versuchen und sie zu schaffen, muss man auf jeden Fall Talent haben, viel üben und seinen Körper bis zum letzten Limit pushen. Manchmal kommt es zu einer Verletzung, wenn man es am wenigsten erwartet. Kurz vor einem lang erwarteten Trip in die Rocklands hat Nils Favre eine Verletzung am Knie erlitten. Zwangspause, Reha und dann nach und nach wieder Training – mit einem solchen Rückschlag muss man richtig umgehen können, bevor es wieder in die Höhe geht.
 

 

»Meine Sommersaison ließ sich gut an, mit schönen Projekten, einer guten Form und bester Zuversicht.« Bei der Outdoor-Messe in Friedrichshafen ist Nils am Millet-Stand vorbeigekommen und hat sich die neuen Produkte angesehen. Da er ein Slackline-Fan ist, bleibt er draußen bei den Ständen stehen, wo Slacks gespannt sind, um ein paar Figuren auszuprobieren. Da die Slacklines über einem Pool gespannt sind, ist das objektive Risiko nicht hoch. »Ich habe einen Basistrick versucht, der darin besteht, aus dem Stand zu springen, um mit dem Po (auf der Slackline) zu landen und dann aus dieser Position wieder in den Stand zu kommen. Als ich auf die Slackline fiel, hat sich mein Knie stark verdreht und ich habe sofort gespürt, dass das eine ernsthafte Verletzung war. Ich kenne meinen Körper gut und habe regelmäßig Verletzungen, mit denen ich gut umgehen kann. Was für eine Enttäuschung! Als ich aus dem Wasser kam, wusste ich, dass ich lange Zeit nicht klettern können würde.«

 

 

"I was performing exercices I've never done before and I focused on my weaknesses"
 

 

 

 

 

Ursprünglich sollte Nils direkt nach der Messe in ein Flugzeug nach Südafrika springen, es sollte zu einem einmonatigen Trip ins Land der Boulder gehen. Ein schönes Programm … »Es war nicht einfach, das alles zu handeln, ich hatte noch Termine auf der Outdoor-Messe, ein Flugticket, einen Mietwagen und ein Haus zu stornieren – vor allem aber musste ich eine Diagnose zum Zustand meines Knies stellen lassen. Es war direkt angeschwollen und ich konnte es nicht belasten. Der Schmerz war auszuhalten; deshalb beschloss ich, nicht ins Krankenhaus in die Notaufnahme zu gehen, sondern gleich in die Schweiz zurückzukehren, wo ich Spezialisten kennen: Osteopathen, Sportarzt, Physiotherapeuten. Die Diagnose war angesichts des MRT-Befunds klar und deutlich: doppelte Partialruptur des inneren Kreuzbands und des vorderen Kreuzbands.«

 

In der ersten Woche fühlte sich Nils wirklich niedergeschlagen. Auf die Rocklands zu verzichten, obwohl er sich monatelang auf diese Reise vorbereitet hat, um fit zu sein, war eine große Enttäuschung: »Es war so frustrierend, diese Boulder nicht wiederzusehen, die mich zum Träumen gebracht haben und weiter inspirieren, diese orangen Felsen, die einen athletischen Kletterstil erfordern … Die Rocklands sind unendlich groß, es gibt überall Boulder! Es gibt hunderte Passagen und das ist nur ein winzig kleiner Teil des Potenzials der Region.«

 

TRAINIEREN, UM SCHNELLER WEIDER FIT ZU WERDEN

Nils' Wettbewerbsgeist gewann bald wieder die Oberhand. Er nahm die Physiotherapie ernst und fing wieder mit dem Training an.

»Mein Programm war ziemlich einfach. Von neun bis elf machte ich meine Physiotherapie-Übungen, vor allem mit dem Medizinball und dem Pedaltrainer. Am Anfang schaffte ich nicht einmal eine Pedalumdrehung und so ist das mein großes Projekt geworden: Eine Pedalumdrehung schaffen!

An manchen Morgen gelang mir dank übermenschlicher Anstrengung und mit vor Schmerzen tränenden Augen eine kleine Pedalumdrehung. Was habe ich mich da gefreut!

Dann ging es direkt in den Trainingsraum, wo ich bis zur Mitte des Nachmittags trainierte. Ich machte Trainingseinheiten auf einem Fuß, Klimmzüge, Griffe am Campusboard, No Foot am Moonboard ... Ich achtete wirklich darauf, wie ich mich dabei fühlte. Beim geringsten Schmerz wechselte ich die Übung und passte immer auf, dass ich nicht auf dem falschen Bein landete. Da ich ja eigentlich in den Rocklands sein sollte, hatte ich in meinem Terminkalender nichts anderes vorgesehen. Das kam mir zugute und ich konnte in aller Ruhe meine Krankengymnastik machen und mich ausschlafen.«

 

 

 

 

Nach vier Wochen Physiotherapie zeigte sich nicht die geringste Besserung. Nils konnte das Bein nur bis zu einem 20-Grad-Winkel beugen. Er machte alles mit gestrecktem Bein. Die Ärzte zogen eine Operation ernsthaft in Erwägung. Da geriet Nils in Panik und bestand auf einem erneuten MRT. »Eines Morgens bin ich dann aufgewacht und konnte mein Knie ohne ersichtlichen Grund fast in einem 90-Grad-Winkel beugen. Es brauchte wohl einfach Zeit. Ab da machte ich dann etwas andere Übungen. Mein rechtes Bein war ganz dünn geworden und hatte keine Muskeln mehr. Ich musste viel Muskeltraining machen und Sprünge zur Stabilisierung, um möglichst schnell wieder Muskeln aufzubauen …«

 

Im Lauf der Monate wurde der Genesende mit jedem Griff wieder zu einem Kletterer. Er trainierte viel und machte Übungen, die er nie zuvor gemacht hatte. In dieser Zeit konnte er wieder zu sich kommen, sich auf seine Schwachstellen und Details konzentrieren, die er beim Klettern schon lange verbessern wollte. »Zwei Wochen vor dem Weltcup in München konnte ich mit meinem Bein noch nicht frei klettern. Ich spürte, dass es noch geschwächt war und dass ich Koordinationsbewegungen nicht ganz unter Kontrolle hatte … Dabei hatte ich immer Angst, schlecht zu fallen und die Sache noch schlimmer zu machen. Doch dann habe ich mich dazu entschlossen, am Weltcup teilzunehmen, weil ich nach dieser Zwangspause hundertprozentig motiviert war.«

 

 

 

 

 

ZURÜCK ZUM WETTKAMPF

Nils Favre fuhr dorthin mit dem Gedanken, diese Gelegenheit zu nutzen, um Erfahrungen zu sammeln, weil er noch nicht an vielen Wettkämpfen teilgenommen hatte. Bei jedem Wettkampf lernt er viel. Bereits die Teilnahme an diesem Cup war so früh nach einer Verletzung schon ein kleiner Sieg.

»München ist die wichtigste Etappe des Weltcups mit unheimlich vielen Teilnehmern, einem guten Wettkampfgeist und einer tollen Stimmung. Ich konnte drei von den fünf zur Qualifikation angebotenen Bouldern klettern. Ich bin auf dem 12. Platz meiner Gruppe der Europameisterschaften gelandet, nur zwei Plätze von der Finale, und auf dem 36. Platz im Weltcup. Das ist für mich ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis, denn zwei Wochen vorher konnte ich noch nicht einmal normal gehen.« Nach dieser Belastungsprobe fühlte Nils sich immer fitter und begann schon bald mit schwierigen Bouldern im Freien wie Pied de Biche, 8B+ oder Tronic Summer, 8B und Nefertiti, 8B an ein und demselben Tag.

 

Bei der Erholung nach einer Verletzung wie auch beim Klettern ist der mentale Aspekt sehr wichtig. Die letzten Sekunden, bevor man einen Boulder in Angriff nimmt, sind entscheidend. »Sehr oft fühle ich genau, ob ich gerade fit genug bin, um einen guten Versuch zu machen oder nicht«, erklärt Nils. Diese Verletzung hat unseren Schweizer Kletterer noch mehr in diesem Sinne bestärkt. »Ich möchte den mentalen Aspekt wirklich noch mehr in meine Vorbereitung einbeziehen. Mein Sport- und Psychologiestudium hat mir auch dabei geholfen, das mentale Training nicht zu vernachlässigen, um beim Klettern Fortschritte zu machen. Die Entscheidung ist getroffen: Ich werde im nächsten Sommer in den Rocklands meine Revanche nehmen. Das ist für mich sozusagen eine obligatorische Wallfahrt, ich habe dort noch Projekte, die mir am Herzen liegen, und es gibt dort noch unheimlich viele Passagen zu entdecken.

Jetzt, wo ich wieder fit bin, habe ich eine sehr lange Liste mit Projekten … Einen Einmonatstrip nach Joe's Valley (USA), dann die Schweizer Meisterschaften und den Weltcup in Meiringen. Trotz dieser Zwangspause wurde ich letztendlich in das Schweizer Team aufgenommen. 2018 werden Wettkämpfe und Training zu meinem Programm zählen. Ich habe auch Lust auf Mehrseillängen in den Bergen. Dadurch, dass ich Abwechslung in mein Klettern bringe, lässt meine Motivation nicht nach und ich habe nach wie vor viel Spaß daran.«

 

Fotos : Matt Georges

Illustration : Nicolas Thomas