René Desmaison

René Desmaison 1930 Bourdeilles (F)
2007 Marseille (F)

“An dem Tag, an dem ich nicht mehr da sein werde, seid ihr mich dennoch nicht los. Ich werde in den Gipfeln herumstreichen.”

Neben etlichen Berufen, die er ausübt, hat sich René Desmaison selbst noch einen angeeignet: Profi-Alpinist. In den frühen 1960er Jahren bricht er mit den Konventionen und etablierte sich ohne Rücksicht auf Verluste in einem Frankreich, in dem herausragende Leistungen und Ruhm alles waren. Desmaison ist redegewandt, nimmt kein Blatt vor den Mund und weiß instinktiv, wann Worte und wann Taten gefragt sind.

Sommer 1966. Unter dem Aufstand der offiziellen Rettungskräfte und gegen den Willen der zuständigen Regierung holte die Seilschaft bestehend aus Desmaison und dem Amerikaner Hemming zwei deutsche Kletterer aus den Bergen zurück, die seit mehreren Tagen in der schwindelerregenden Dru-Westwand feststeckten. Die Nerven lagen blank. Obendrein wurde noch auf der Titelseite von Paris Match über sie berichtet. Chamonix war gedemütigt.
Winter 1968. Desmaison packt zum Normalgepäck einen drei Kilo schweren Sender mit in den Rucksack, um eine tägliche Verbindung mit Radio RTL sicherzustellen: Die Erstbesteigung des Linceul, der großen Eiswand in der Nordseite der Grandes Jorasses, wurde zur Seifenoper. Tagtägliche Berichte über neun Tage hinweg. Ein absoluter Publikumserfolg. „Alles Show und Inszenierung“, entgegnen die Neider.
Winter 1971. Es ist die Zeit der Winterbegehungen, der Nordwände, der Direttissima - ein Ausdruck eines testosterongeprägten Alpinismus. René Desmaison und der junge Serge Gousseault sind seit 10 Tagen in den überhängenden Wänden des Walker-Pfeilers in der Grandes Jorasses Nordwand unterwegs.

René Desmaison René Desmaison René Desmaison
Seine größte Leistung

1973. Direktroute Gousseault (4208 m, Walker-Pfeiler, Mont-Blanc)

Sein Buch

La montagne en direct, la vie de René Desmaison. Antoine Chandellier. Éditions Guérin, 2010.

Sein Film

Les Andes vertigineuses. René Desmaison. 1980.

Keine 100 Meter vom Gipfel entfernt, stirbt Serge Gousseault vor Erschöpfung. In Chamonix gibt es gemischte Gefühle: Die Sorge der Angehörigen steht der Skepsis der offiziellen Stellen entgegen. „Desmaison macht wieder Theater.“ Nach 12 Tagen holt man ihn schließlich im letzten Moment aus der Wand. Fernsehsender, Titelseiten, scharfe Auseinandersetzungen. René Desmaison gibt seine Sicht der Dinge in einem Buch zum Besten, das Kultcharakter erlangen sollte: Dreihundertzweiundvierzig Stunden in der Grandes Jorasses Nordwand. Zwei Jähriges danach kehrt er zurück und vollendet die Gousseault-Direktroute.

Bis zu den 1980er Jahren ist die Marke Desmaison allgegenwärtig. Obwohl er nicht Millets erster technischer Berater war, gab er dieser speziellen Rolle eine ganz neue Dimension. An der Seite von Walter Bonatti war er aktiv an der Entwicklung neuer Rucksäcke beteiligt.
Und dann sind da noch die Filme und Vorträge – die jährlich mindestens 3 Monate seiner Zeit beanspruchen –, auch Signierstunden und Fernsehsendungen. Im Hintergrund wirkt zusätzlich Simone, Muse, Ehefrau und Presseagentin. Die Schauspielerin und Schwester des Regisseurs José Giovanni ist mit den Gepflogenheiten der Pariser Welt und der Medien vertraut.

Neben spektakulären Auseinandersetzungen verbindet man mit dem Namen Desmaison ebensolche Leistungen. Die pingeligsten Kolumnisten berichten von 144 Erstbesteigungen. Oisans, Dévoluy, Dolomiten, Mont-Blanc, Himalaya, Anden. Dem Talent des Kletterers ist keine Wand entgangen.
Das Wiederholen einer Route Desmaisons ist bis heute eine Bestätigung der technischen Fähigkeiten und des Engagements. Schwierigste Überhänge stellen Alpinisten auf die Probe und zwingen zur Auseinandersetzung mit den persönlichen Grenzen.
René Desmaison zu lesen, ist inspirierend; man spürt förmlich den Fels unter den Füßen und den Frost, der an einem nagt. Der Geist wird in tote Gipfelregionen getragen.

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Text: François Damilano
Fotos: ©Millet