Marco Siffredi

Marco Siffredi 1979 Chamonix (F)
2002 Everest (Tibet)

“Was man mit 20 nicht an verrückten Dingen tut, wird man mit 50 erst recht nicht tun.”

Es ist die Geschichte eines Jungen aus Chamonix.

Er ist einer von denen, die bei allzu schönem Wetter Schule schwänzen und lieber mit der Seilbahn zur Aiguille du Midi fahren. Er ist lieber auf unberührten Tiefschneehängen unterwegs als im bitterkalten Schulhof. Schließlich gibt es ja dieses neue Spielgerät, dass man dringend in den Griff bekommen sollte: das Snowboard.

Das Mont-Blanc-Massiv ist Marco Siffredis erweitertes Zuhause. An Pulverschneetagen lässt er sich das Vergnügen der ersten Spuren im Schnee auf keinen Fall entgehen. Tadellose Technik, ein großes Herz und Lust auf Abenteuer; auf seinem Brett scheint es Marco bestens zu gehen. Er weiß mittlerweile, wie sich frischer Pulverschnee an den steilsten Hängen anfühlt. Der legendärste Hang überragt das gesamte Tal: der Nant Blanc-Hang der Aiguille Verte. Tausend Meter bergab mit über 50° und stellenweise sogar bis zu 60° Neigung. Seit der ersten Abfahrt auf Skiern durch JMB (Jean-Marc Boivin), Marcos Idol in Sachen Extremabfahrten, hat keiner mehr diese Abfahrt gewagt. Am 17. Juni 1999 zieht Marco dort mit seinem Brett eine Spur. Er ist 20 Jähriges alt. Er hat sich gerade die Haare wasserstoffblond gefärbt und ein neues Piercing stechen lassen. Marco ist frei und ganz entspannt. Sein Talent ist riesig.

Marco Siffredi Marco Siffredi Marco Siffredi
Seine größte Leistung

2001, erste Snowboard-Abfahrt vom Mount Everest – erste Abfahrt via Norton-Couloir in der Nordwand (Himalaya, Tibet, 8850 m).

Sein Buch

La trace de l’ange, la vie de Marco Siffredi. Antoine Chandelier. Éditions Guérin, 2005.

Sein Film

Marco, étoile filante. Bertrand Delapierre. Seven Doc 2008.

Es ist die Geschichte des Mount Everest. Mit fast 9000 Metern Höhe zieht die Pyramide jegliche Absolutheitssehnsüchte magisch an. Marco Siffredi hat die schwindelerregendsten Steilhänge des Mont-Blanc und der Anden befahren; im Himalaya hat er sich die Abfahrt vom Dorje Lhakpa (6966 m) und vom Cho Oyu (8188 m) gegönnt. Aber es ist die Nordseite des höchsten Punkts der Erde mit ihren Rinnen und einem Höhenunterschied von 3000 Metern, die es ihm angetan hat.

Im Frühjahr 2001 steht Marco auf dem Gipfel des Mount Everest. Es ist nicht der Höhepunkt, sondern der Ausgangspunkt. Die Schneebedingungen sind nicht perfekt, das weiß er. Er verzichtet auf das Hornbein-Couloir und findet eine Linie, die ihn zum Norton-Couloir führt. Der Schnee ist hart, eine Bindung geht kaputt und dazu noch eine lange Querung auf der Backside mit Blankeisunterlage. „Ich hatte wirklich eine schwere Zeit.“ Angesichts der Umstände war das noch eine Untertreibung. Die erste Snowboard-Abfahrt vom Mount Everest war geschafft, allerdings meinte er: „Das Norton-Couloir war nur zur Übung da.“

Marco hat keine Zeit für Geduld. Er muss seiner Bestimmung folgen. Marco ist 23 und besessen von der perfekten Linie des Hornbein-Couloirs.

Am 8. September 2002 setzt er erneut zu seinen Schwüngen vom Gipfel des Everest an. Er fährt den Gipfelgrat entlang und taucht in den Nordhang ab.

Für immer.

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Text: François Damilano
Fotos: ©Millet