Chloé Graftiaux

Chloé Graftiaux 1987 (Bruxelles – B)
2010 (+Noire de Peuterey)

“Die Suche nach dem Neuen und Unbekannten – das liebe ich!”

„Zum Klettern geboren.“ So definierte sich Chloé Graftiaux. Bis hin zu der mit verschmitztem Augenzwinkern gestalteten Mailadresse: borntoclimb1 für ihre ältere Schwester Alix, borntoclimb3 für Chloé, die Jüngste. Wer die 2 war, hat man nie erfahren.

Als junges Kletterwunder steht Chloé Graftiaux rasch ganz oben: erste Medaillen mit 12 Jährigesn, Juniorenweltmeisterin mit 15, mehrfache belgische Meisterin, europäische Vizemeisterin mit 17 und etliche Siege beim Kletterweltcup und bei Boulder-Meisterschaften. Im Alltag bringt die Gymnasiastin Bücher und Hefte mit Kletterschuhen und Magnesia unter einen Hut. Aber die Kunst der Vertikalgymnastik kann ihren Durst nicht stillen, neue Orte zu entdecken und neue Leute kennenzulernen. Chloé erhält den Status der Spitzensportlerin, lässt sich aber nicht in das starre Schema aus zwanghafter Wettbewerbsvorbereitung und strengen Vorgaben zwängen, die die Institution einer jungen, aufstrebenden Athletin aufzuerlegen versucht. Seit Chloé das Klettern in freier Natur für sich entdeckt hat, werden die Berichtshefte häufig von den Eltern ausgefüllt, die an ihrer Seite sind und banale Trainingseinheiten oft durch einen Abstecher an den Fels ersetzt.

Chloé Graftiaux Chloé Graftiaux Chloé Graftiaux
Ihre größte Leistung

Aneinanderreihung etlicher Projekte in einer Woche im Jahr 2010: Einzelstart beim Boulder-Weltcup in Eindhoven – Contamine-Route an der Aiguille du Moine ab Chamonix/Tal – Goldmedaille beim Boulder-Weltcup in Sheffield.

Ihr Buch

Il était une fée au pays de la grimpe. Syndicat d’Initiative de Jambes et Environs, 2011.

Ihr Film

Chloé Graftiaux, Passion Together. Team les Collets, 2010.

Chloé Graftiaux gehört zu diesen lebenshungrigen Menschen, die alles in sich aufnehmen, alles wollen - am liebsten alles gleichzeitig. Im Reisefieber wechselt sie von Sportkletterrouten (8a) zu Boulderblöcken, von Bigwall- Besteigungen zum Dry-Tooling, von Mehrseillängen im Hochgebirge zum Eisklettern. Sie packt alles an und dies fast gleichzeitig. Der Terminkalender ist übervoll. Später zieht die französischste unter den belgischen Kletterinnen in das Herz der Alpen. Mit gerade einmal 19 Jährigesn hat sie eine offenkundige Berufung: Sie will zur Bergrettung. Chloé ist jung, weiblich und aus Belgien- aber keine dieser Realitäten konnte ihren immensen Ehrgeiz behindern.

Ihr Basislager war ein Van, sie suchte online nach Kletterpartnern, kämpfte hart um jeden Wettbewerbssieg und reiste weit um die Welt. Chloé nimmt sich das Beste, das Ausgefallenste, das Überragendste. Sie klettert, macht Entdeckungen, lernt dazu. Sie wird Mitglied im GEAN (Groupe Excellence Alpinisme National), der Kaderschmiede des französischen Spitzenalpinismus. Chloé ist glücklich, einer Gruppe anzugehören, sie ist ausdauernd, hartnäckig und beindruckt ihre Seilschaftpartner ebenso wie ihren Trainer: „Die Entspannung in Aktion deutet auf ein herausragendes Leistungsniveau.“

Leistung ist das eine; Energie und eine unerschütterliche Motivation das andere. Chloé war 23 Jähriges alt, hatte Träume ohne Ende und den Computer voller Projekte. Sie brannte vor Talent und Begeisterung. „Ja, ich würde gern der PGHM (Hochgebirgsrettung der französischen Gendarmerie) angehören und als Routensetzerin bei internationalen Boulder-Weltcups arbeiten.“

21. August 2010, Abstieg von der Aiguille Noire de Peuterey. Der Fels unter Chloés Füßen gab nach, sie stürzte in den Abgrund.

Chloé Graftiaux lässt eine gleißende Spur hinter sich, das Strahlen einer schönen Seele.

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Text: François Damilano
Fotos: ©Millet